Stranderwachen & Zeitgeschichte in der Trinkkurhalle

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So sah es in den 1930er Jahren aus: Timmendorfs Seebrücke mit der
So sah es in den 1930er Jahren aus: Timmendorfs Seebrücke mit der "Strandhalle"

Die schi­cke Fla­nier­mei­le, Edel-Gas­tro­no­mie, Clubs, Cafés und Nobel-Läden das ist Tim­men­dor­fer Strand. Jetzt fei­ert das Ost­see­bad Geburts­tag: seit 150 Jah­ren ist das „Niz­za des Nor­dens“ belieb­ter Urlaubs­ort, dem der Archi­var Hei­ner Her­de jetzt eine Chro­nik mit Fotos aus der guten alten Zeit gewid­met hat. Am 29. Mai wur­de „Das Ost­see­bad Tim­men­dor­fer Strand - eine Zeit­rei­se in Bil­dern“ im Rah­men einer Aus­stel­lung und einer Fei­er­stun­de vor­ge­stellt.

Der ers­te Urlau­ber woll­te eigent­lich nur sei­ne Ruhe haben. Und dafür fand er damals die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen. Als Pas­tor Fried­rich August Gleiss anno 1865 in der unbe­wohn­ten Strand­land­schaft unter­halb der Bau­ern­sied­lung Klein Tim­men­dorf ein ein­sa­mes Grund­stück ent­deck­te und kau­fen woll­te, waren die weni­gen Ur-Ein­woh­ner schon erstaunt.
Nach eini­gen Que­re­len um die Geneh­mi­gung bau­te der „ers­te Mensch am Tim­men­dor­fer Strand“ mit Hil­fe des Zim­mer­manns Gramm­ers­dorf in nur drei Mona­ten ein schmu­ckes Haus, das heu­te noch steht: Direkt am Wohld, nicht weit vom Strand, beher­bergt die stil­voll restau­rier­te „Gleiss Kate“ heu­te das Restau­rant „Reethus“. Nur weni­ge der Pio­nier-Bau­ten sind übrig geblie­ben. Das ers­te Logier­haus von „Bade­wirt Rix“, 1882 in Nien­dorf erbaut, ist längst Geschich­te. Das 1888 erbau­te Hotel Röhl und die benach­bar­te Vil­la Gro­pi­us erin­nern an Zei­ten, als ruhm­rei­che Künst­ler zu Gast in Tim­men­dorf waren; bei­de sind zier­li­che Schmuck­stü­cke in einer heu­te eher gleich­för­mi­gen Archi­tek­tur, die so gar nichts mehr vom Charme der Grün­der­zeit hat.

Der Germanist und begeisterte Archivar alter Timmendorf-Fotos Heiner Herde hat eine "Zeitreise in Bildern" als Buch zusammengestellt_____Bürgermeisterin Hatice Kara begrüßte zahlreiche Gäste zum Festakt "150 Jahre Timmendorfer Strand" in der Trinkkurhalle_____Tourismusdirektor Joachim Nitz auf dem Podium mit der Combo des OGT

Umso fas­zi­nie­ren­der ist die „Zeit­rei­se in Bil­dern“, zurück in eine Ära, als der Küs­ten­strei­fen am Strand von den Städ­tern ent­deckt wur­de, als unbe­irr­ba­re Pio­nie­re die ers­ten Gäs­te­häu­ser errich­te­ten, die ers­ten Bade­kar­ren an den Strän­den stan­den und die Städ­ter den Urlaub an der Ost­see ent­deck­ten. Der Ort ent­wi­ckel­te sich zum schmu­cken Urlaubs­ziel; im Nor­den wuchs das so genann­te Geheim­rats­vier­tel her­an, eine klei­ne Som­mer­haus­sied­lung für Fami­li­en aus groß­bür­ger­li­chen Krei­sen. „Die öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen lock­ten pri­va­tes Kapi­tal“, erzähl­te Hei­ner Her­de in sei­ner Fest­re­de in der Tim­men­dor­fer Trink­kur­hal­le.

So sah die Timmendorfer Waldkapelle 1958 aus._____Typisch Timmendorf: Timmendorfer Platz in den 70er Jahren

Nach­dem 1872 die ver­hee­ren­de Sturm­flut kam und den Fischer­ort Nien­dorf weit­ge­hend ver­wüs­te­te, pro­fi­tier­te Tim­men­dor­fer Strand vom „Kata­stro­phen-Tou­ris­mus“: Neu­gie­ri­ge aus der Stadt kamen ange­reist, um sich die Zer­stö­rung anzu­se­hen und danach im weni­ger betrof­fe­nen Tim­men­dor­fer Strand aus­zu­span­nen. Dort ging es zügig vor­an: „Zwi­schen 1875 und 1910 wur­de mit Stra­ßen- und Häu­ser­bau die Basis gelegt.“ Hin­zu kam die Ein­füh­rung der Kur­ta­xe, es ent­stan­den Hotels und Pen­sio­nen im Ort, der ab seit 1905 offi­zi­ell Tim­men­dor­fer Strand heißt. „Ab 1908 gab es zudem die See- bezie­hungs­wei­se Damp­fer­an­le­ge-Brü­cke und ab 1911 ein Warm­bad“, berich­te­te Her­de in sei­nem Vor­trag, „dabei ist Tim­men­dor­fer Strand den übri­gen Ost­see­bä­dern immer vor­aus gewesen.“1898 zähl­te der auf­stre­ben­de Ort stol­ze 416 Bade­gäs­te. Dar­un­ter waren nicht nur die rei­chen Städ­ter, die sich nun zuneh­mend ihre Vil­len­grund­stü­cke in der „ers­ten Rei­he“, also in der Strand­al­lee, sicher­ten. Das „Olga Heim“ in der Orts­mit­te wur­de 1896 als Pri­vat­schu­le für Kin­der aus sozi­al benach­tei­lig­ten Fami­li­en gebaut. Spä­ter war dort das ört­li­che Rat­haus; das betag­te Gebäu­de muss­te aber wegen sei­ner ange­grif­fe­nen Sub­stanz abge­ris­sen wer­den und wur­de schließ­lich von Archi­tekt Karl-Heinz Stol­ley exakt nach den alten Plä­nen wie­der auf­ge­baut. Heu­te fin­det man dort die Tou­rist-Infor­ma­ti­on und die Büros der Tim­men­dor­fer Strand + Nien­dorf Tou­ris­mus GmbH, die gemein­sam mit der Gemein­de­ver­wal­tung am 29. Mai zum Geburts­tags­fest mit einem her­vor­ra­gen­den musi­ka­li­schen Rah­men­pro­gramm von der OGT Big Band und der Sopra­nis­tin Nico­le Müh­le rund um die denk­mal­ge­schütz­te Trink­kur­hal­le ein­ge­la­den hat­te.

Die sehenswerte Ausstellung in der Trinkkurhalle zeigt historische Fotos aus der Gründerzeit_____Zum Festakt am Abend spielte die OGT-Big Band_____Die OGT-Combo sorgte mit softem Jazz für einen angenehmen musikalischen Rahmen

In ihren Räu­men kann man noch bis zum 30. Juni (diens­tags bis sonn­tags 11.00 bis 17.00 Uhr) eine Aus­stel­lung mit Foto aus der Grün­der­zeit bewun­dern, die viel von „damals“, von den Urlaubs­träu­men, dem Fami­li­en­glück, dem Sports­geist und der Atmo­sphä­re ver­mit­teln. Der enga­gier­te Chro­nist und pro­mo­vier­te Ger­ma­nist Hei­ner Her­de, der das Publi­kum mit sei­nem Vor­trag auf eine span­nen­de Zeit­rei­se mit­nahm, hat die alten Fotos dem von ihm ange­leg­ten Hei­mat­ar­chiv ent­nom­men, eine Samm­lung, die ihren Grund­stock drei „Heimatkunde“-Lehrern aus Tim­men­dor­fer Strand ver­dankt.
Einen Ein­druck vom Zeit­geist der 50er Jah­re ver­mit­tel­te auch ein Kurz­film von damals, der zur Aus­stel­lungs­er­öff­nung gezeigt wur­de. Bei den so typi­schen Bil­dern und Sze­nen der frü­hen Wirt­schafts­wun­der­jah­re hör­te man dann auch so man­ches nost­al­gi­sche „weißt Du noch“ in den Publi­kums­rei­hen der Trink­kur­hal­len-Rotun­de.
Wer Nost­al­gie und Geschich­te in Ruhe genie­ßen möch­te, dem emp­fiehlt sich das Buch zur His­to­rie: „Das Ost­see­bad Tim­men­dor­fer Strand - eine Zeit­rei­se in Bil­dern“ (19,90 Euro) ist im Sut­ton-Ver­lag erschie­nen und ein Tipp für jeden, der sei­nen Lieb­lings-Urlaubs­ort oder sei­ne Wahl­hei­mat näher ken­nen­ler­nen möch­te.

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