Was wird aus Timmendorfs Trinkkurhalle? Sind Hotelpläne seriös?

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1974
Denkmal mit Tradition: Die Timmendorfer Trinkkurhalle erinnert an die Zeit, als Timmendorfer Strand zum ersten Mal als Ostseebad erwähnt wurde. Das war 1951. Heute steht sie unter Denkmalschutz.
Denkmal mit Tradition: Die Timmendorfer Trinkkurhalle erinnert an die Zeit, als Timmendorfer Strand zum ersten Mal als Ostseebad erwähnt wurde. Das war 1951. Heute steht sie unter Denkmalschutz.

Wird Tim­men­dorf von der Kon­kur­renz abge­hängt?“ - so lau­te­te die Schlag­zei­le eines Berichts in den Lübe­cker Nach­rich­ten. Als Lösung des auf­kei­men­den Pro­blems lie­fer­te Tim­men­dorfs Tou­ris­mus­chef Chris­ti­an Jaletz­ke prompt eine „unkon­ven­tio­nell erschei­nen­de Idee“: die denk­mal­ge­schütz­te Trink­kur­hal­le im Neu­en Kur­park sol­le über­plant wer­den, schlug er vor, und zwar als Luxus­ho­tel für illus­tre Gäs­te - „U-för­mig, alle Zim­mer mit Blick aufs Was­ser. So könn­ten wir die Ost­see wei­ter in den Ort brin­gen.“

Das kann doch wohl nicht wahr sein“, ent­rüs­tet sich ein Ur-Tim­men­dor­fer nach der Lek­tü­re der Tages­zei­tung. „Jetzt wol­len sie ein Hotel rund um die Trink­kur­hal­le bau­en.“ In Win­des­ei­le kur­sier­te das Gerücht durch den Ort. Bis die ers­ten empör­ten Bür­ger bei der Gemein­de­ver­wal­tung anrie­fen. Wir frag­ten eben­falls nach bei Haupt­amts­lei­ter Mar­tin Scheel, der schon etli­che Gesprä­che zu die­sem The­ma geführt hat­te. „Nein, da ist nichts dran“, meint er. „Die Trink­kur­hal­le selbst und sogar die Flä­che rund um die Trink­kur­hal­le ste­hen unter stren­gem Denk­mal­schutz. Wir haben bei den Reno­vie­rungs­ar­bei­ten sogar Ärger bekom­men, als die Stär­ke der Fens­ter­schei­ben ver­än­dert wer­den soll­te. Das war noch zu Zei­ten von Bür­ger­meis­ter Ger­hard Fand­rey; da kam es sogar zu einem gericht­li­chen Ver­fah­ren, weil nicht alles bis ins Detail beach­tet wur­de. Das nun als Hotel­stand­ort zu brin­gen, hal­te ich für unmög­lich.“ Aber der Tou­ris­mus­di­rek­tor hat­te doch… „Es wäre sicher hilf­reich gewe­sen, wenn Herr Jaletz­ke die­se Idee als Vor­la­ge an die zustän­di­gen Aus­schüs­se wei­ter­ge­ge­ben hät­te. Dann hät­ten sich Bau­aus­schuss und Tou­ris­mus­aus­schuss damit befasst, bevor man sich dazu öffent­lich geäu­ßert hät­te. Auch wenn es sei­ne Lieb­lings­idee ist, die er 2 bis 3 Mal öffent­lich kund­ge­tan hat, brau­chen wir letzt­lich die Beschlüs­se der zustän­di­gen Gre­mi­en.“

Die Künstlerin Anja Es hat die Räume in der Trinkkurhalle für Ausstellungen und Performances gepachtet, denn: "Timmendorfer Strand braucht die Kunst."Wenig amü­siert war auch Anja Es, als sie von den Hotel­plä­nen für die Trink­kur­hal­le hör­te. Sie ist die Päch­te­rin der Räu­me, in denen die viel­sei­ti­ge Künst­le­rin regel­mä­ßig Aus­stel­lun­gen und Per­for­man­ces mit ver­schie­de­nen Gast-Künst­lern bie­tet, die zahl­rei­che Besu­cher anzie­hen. „Bevor ich irgend etwas davon wuss­te, wur­de ich schon von der Pres­se ange­ru­fen und auf die Hotel­plä­ne auf­merk­sam gemacht. Aber ich neh­me das alles ganz locker. Ich hab alles um ein Jahr ver­län­gert, die Kon­di­tio­nen wur­den fest­ge­legt, und der Ver­trag ist jetzt unter­schrifts­fer­tig aus­ge­ar­bei­tet. Das heißt, ich behal­te den Laden viel­leicht sogar für die nächs­ten Jah­re. Schließ­lich ist Tim­men­dor­fer Strand ein Ort, der die Kunst braucht. Nur Shop­pen und Schlem­men - das kann es nicht sein.“

Für ech­te Tim­men­dor­fer ist die Trink­kur­hal­le selbst min­des­tens eben­so wich­tig wie die Kunst, die dort ihren Platz hat. Sie ist ein Sym­bol für den Auf­schwung zum gefrag­ten Kur­ort in den Wirt­schafts­wun­der­jah­ren: Als Tim­men­dor­fer Strand sich 1951 erst­mals offi­zi­ell Ost­see­heil­bad nen­nen durf­te, trug die damals neu ein­ge­rich­te­te Trink­kur­hal­le wesent­lich dazu bei. Das hier aus­ge­schenk­te Meer­was­ser mit sei­nem Gehalt an Mine­ral­stof­fen hat­te einen wesent­li­chen Anteil an der Mee­res­heil­kun­de, die hier eine wich­ti­ge Rol­le spiel­te. Heu­te ist das auf­fäl­li­ge Gebäu­de mit der typi­schen, glä­ser­nen „Rotun­de“ ein Denk­mal, das den Ort prägt und auf das kaum ein Tim­men­dor­fer ver­zich­ten möch­te. „Wenn das tat­säch­lich geplant wäre, hät­ten wir hier den nächs­ten Bür­ger­ent­scheid“, pro­phe­zeit Mar­tin Scheel. Dar­auf kann die Gemein­de gern ver­zich­ten, wür­de die­ser Kampf doch wie­der eine Spal­tung bedeu­ten statt eine Ein­heit, die man braucht, um zukunfts­träch­ti­ge Ide­en zu ent­wi­ckeln und so umzu­set­zen, dass sie den Vor­ga­ben und der Tra­di­ti­on ent­spre­chen.

Was hal­ten Sie vom Stand­ort Tim­men­dor­fer Trink­kur­hal­le für einen Hotel­kom­plex?

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7 KOMMENTARE

  1. Das Pro­blem bei Hotels ist. Vie­le Dorf­be­woh­ner leben von Feri­en­woh­nun­gen. Je mehr Hotels Tim­men­dor­fer Strand bekommt, des­to weni­ger wer­den wahr­schein­lich auch die Feri­en­woh­nun­gen gebucht, außer es han­delt sich um ein wei­te­res exqui­si­tes Hotel mit gemach­ten Prei­sen. Des Wei­te­ren haben wir hier schon das Mari­tim See­ho­tel, See­schlöss­chen Hotel sowie vie­le klei­ne­re Hotels. Es gibt sinn­vol­le­res als noch ein Hotel dort hin­zu bau­en.

  2. Also Mee­res­heil­kun­de und ein chil­li­ger Strand­spa­zier­gang hel­fen da nicht mehr, ich glau­be, dass da ein appro­bier­ter Arzt her muss.

    Die Trink­kur­hal­le soll­te mei­ner Mei­nung nach für Ver­an­stal­tun­gen genutzt wer­den, ins­be­son­de­re für Hoch­zei­ten in Kom­bi­na­ti­on mit dem Strand. Für Ein­hei­mi­sche ist das für lau und Aus­wär­ti­ge kön­nen gescheit zah­len.

    Es reicht lang­sam mit dem stän­di­gen Rum­ge­jam­mer, dass man mehr Hotels braucht. In Nien­dorf sind aus­rei­chend Plät­ze in der ers­ten Rei­he vor­han­den, wenn irgend­je­mand Hotels bau­en will, dann wird er das schon machen, sofern das wirt­schaft­lich ver­nünf­tig ist.

    Offen­sicht­lich hat man ja über­haupt kein Ver­trau­en in die eige­ne Klas­se und Qua­li­tät, wenn man bei jedem grö­ße­ren Pro­jekt in der Nach­bar­schaft Ner­ven­zu­sam­men­brü­che bekommt und meint gleich alles mit eige­nen Bau­un­ter­neh­mun­gen kon­tern zu müs­sen. Glaubt man sich schein­bar selbst nicht sei­ne Pro­pa­gan­da der Ver­gan­gen­heit ? Arsch auf Grund­eis ?

    Es ist ein­fach nur scha­de, dass alles nur auf Kom­merz und Kon­sum aus­ge­rich­tet ist.

    Mag ja schön für die Fami­li­en sein, wenn dann auch die Enkel bei ihrer Ein­schu­lung bereits ein eige­nes Hotel oder eine Bou­tique haben und die Kin­der in Tim­men­dor­fer Strand wie die Royals leben, aber tat­säch­lich pro­fi­tiert von die­ser Tou­ris­mus­form nur ein klei­ner Teil der Bevöl­ke­rung erwäh­nens­wert.

    Hun­der­te Mäd­chen, die als bil­li­ge Prak­ti­kan­tin­nen aus Ost­eu­ro­pa kom­men, ein paar Gastros­öld­ner die hier mal ihr Zeug­nis holen und die Umsät­ze für die gut­lau­fen­den Betrie­be opti­mie­ren - ( viel­leicht ) schön für die­se, aber was ist mit den Men­schen hier ? Wie­vie­le Pro­zen­te der Bevöl­ke­rung arbei­ten im tou­ris­ti­schen Seg­ment und kön­nen sich das Leben von ihrem Ver­dienst hier so leis­ten, wie es Tim­men­dor­fer Stan­dart ist ?

    Ich behaup­te, dass der Tou­ris­mus maxi­mal 4% der Bevöl­ke­rung die Taschen voll macht. Und die­se Kol­le­gen, las­sen ihre Som­mer­kräf­te nach der Sai­son schön hart­zen und anstatt mal eine Mil­li­on für eine Stra­ße hin­zu­le­gen, auf der die Kara­wa­nen mit dem Gold ein­rol­len, wird die Koh­le zusam­men gerafft und gejam­mert, dass es immer noch zu wenig ist.

    Wei­te­re haben altes Fami­li­en-Grund­ei­gen­tum und arbei­ten (außer­halb), die pro­fi­tie­ren von dem Auf­schwung ( oder sagen wir von der Lebens­raum­ver­knap­pung ) auch noch, je nach­dem, wie­vie­le Kin­der sie haben und wie groß der Bestand ist.

    Zuneh­mend „gön­nen“ sich Men­schen hier ihren letz­ten Lebens­ab­schnitt. Die zah­len so über­teu­ert, das ist kei­ne Top-Anla­ge, für die­se ist der Tou­ris­mus­wahn neu­tral.

    Dann gibts aber noch vie­le ande­re. Die­se ste­hen vor einer indi­rek­ten Zwangs­um­sied­lung nach Groß Tim­men­dorf oder Pans­dorf, weil ja Platz für den Tou­ris­mus und Zweit­woh­nun­gen her muss.

    Was ist aus Tim­men­dor­fer Strand gewor­den ?

    Wäh­rend frü­her der Gast­ge­ber und der Gast noch eine Sym­bio­se bil­de­ten, ist es heu­te zum aus­schließ­lich mate­ria­lis­ti­schen Geschäft ver­kom­men. Neben der Kern­leis­tung der Über­nach­tung kann der KUNDE ( nicht Gast ) allen mög­li­chen Mist kau­fen, den er zum Leben nicht ansatz­wei­se braucht.

    Die Hälf­te der Besu­cher ver­las­sen Tim­men­dorf, ohne den Hafen von Nien­dorf, den Son­nen­auf- oder Unter­gang am Strand oder die Natur am Hem­mels­dor­fer See gese­hen zu haben.

    Es geht nur noch dar­um, dass man alles an Gold abschöpft. Die Schön­heit unse­rer Hei­mat, unse­re Geschich­te, Tra­di­tio­nen und Bräu­che, kei­ner kennt und sieht sie mehr.

    Also, sind wir die letz­te Bas­ti­on eines kran­ken Sys­tems ?
    Oder doch das Niz­za des Nor­dens ? Sylt der Ost­see ?

    Wie wärs mal mit :“ Wir sind Tim­men­dor­fer Strand ! “ „See­bad mit Herz!“, „Urlaub bei Freun­den !“, „Authen­tisch, fair und ehr­lich „, nicht Guc­ci, Polo, Deka­denz, Komm rein ich zock dich ab.…

    Bevor irgend­wel­che Igno­ran­ten also zukünf­tig nach neu­en Tou­ris­mus­at­trak­tio­nen der „bewähr­ten“ Art kei­fen, will ich erst­mal ein Hei­mat­mu­se­um, ein Kino, ein Bür­ger­haus ( und Trink­kur­hal­le zum Hei­ra­ten ), eine geschei­te Biblio­thek, ein tat­säch­li­ches Ein­woh­ner­fest außer­halb der Haupt­sai­son ( Tanz in den Mai ? ), ein Weih­nachts­din­ner, zu dem jeder Gewer­be­trei­ben­de 1 Pro­mil­le sei­nes Jah­res­um­sat­zes spen­det und die Armen mal rich­tig ein­ge­la­den und die Kin­der beschenkt wer­den und noch ganz vie­les mehr .

    Unse­re Infra­struk­tur ist aus­rei­chend, das was sich hier ändern muss ist das Volk !

  3. Es muss ja nicht gleich ein Luxus­ho­tel sein, aber man soll­te auch nicht stän­dig so tun, also wäre ein gewerb­li­cher Kunst­han­del (und nichts ande­res ist eine Gale­rie) die tolls­te aller Nut­zungs­for­men für ein so ein­ma­li­ges Gebäu­de wie die Trink­kur­hal­le. Und bevor man solch kom­mer­zi­el­len Gale­rie­be­trieb ins Unan­tast­ba­re ver­klärt, soll­te man sich ernst­haft auch die neu­en Kon­zep­te anschau­en (allen vor­an das von Vicky)…

  4. PS: Und natür­lich sind nur „Shop­pen und Schlem­men“ zu wenig für Tim­men­dor­fer Strand, und natür­lich brau­chen wir hier Kunst und Kul­tur; das bestrei­tet kei­ner; aber die Fra­ge ist doch berech­tigt, war­um die Gemein­de dafür aus­ge­rech­net ihr schöns­tes Gebäu­de mit gran­dio­sem See­blick her­ge­ben muß, wenn es unten im Ort noch genü­gend freie Laden­flä­chen gibt, die ganz her­vor­ra­gend für Kunst­han­del geeig­net sind. Denn eins ist doch klar: Die Trink­kur­hal­le hat viel mehr Poten­ti­al und kann den Ein­hei­mi­schen genau­so wie den Gäs­ten viel mehr bie­ten als „nur“ Ver­kaufs­flä­che für Kunst zu sein!

  5. Tim­men­dor­fer Strand hat im Lauf der Zeit stark ver­lo­ren.
    Grund, alles mit­neh­men, was mit­zu­neh­men ist.
    Erschla­gen­de Wer­bung und vie­les ande­re ver­un­stal­ten den Ort.
    Teil­wei­se rück­sichts­lo­se Ver­kehrs­si­tua­ti­on für Anwoh­ner.
    Frei­flä­chen zum Be- und Ent­la­den wer­den mit Park­uh­ren bestückt,
    wobei die Ein­nah­men durch Ver­warn­gel­der beson­ders lukra­tiv sind.

    Anstatt den wirk­lich auf­stre­ben­den Nach­bar­or­ten nach­zu­ei­fern soll­te
    man sich dies­be­züg­lich auf die Exklu­si­vi­tät von Tim­men­dor­fer Strand
    besin­nen, die gefragt ist! Klas­se statt Mas­se!
    Die vor­aus­ge­gan­ge­nen Bei­trä­ge unter­stüt­ze ich.

  6. Schar­beutz hat es uns doch allen vor gemacht. Die loca­ti­ons, direkt am Meer mit die­sem schö­nen und von allen gelieb­ten Meer­blick, haben Tim­men­dorf bereits heu­te, zehn­tau­sen­de Gäs­te gekos­tet. Hier in die­ser wun­der­ba­ren Lage, gehö­ren Restau­rants, Bars und Cafe’ s hin. Auch eine gemüt­li­che Knei­pe, wie frü­her die „Tem­me“, fehlt kom­plett. So wird der Trend derer, die in Tim­men­dorf eigent­lich lie­ber ver­wei­len, als in Schar­beutz, zu neh­men, mal eben rüber zu fah­ren zum Nach­bar­ort und dort zu spei­sen. Eine Gale­rie am bes­ten Fleck von Tim­men­dorf? Nein dan­ke!

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