Kommunalwahl in Schleswig-Holstein: Haben Sie gewählt?

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Die Spitzenkandidaten der verschiedenen Parteien am Wahlabend vor dem Rathaus in Timmendorfer Strand (von links nach rechts): Jörn Eckert (SPD), Anja Evers (CDU), Ulrich Herrmann (FDP für Michael Berk), Stefanie Paetow (Grüne) und Jacob Bielfeldt (WUB) - Foto: René Kleinschmidt

Stell Dir vor, es ist Wahl­tag - und kei­ner geht hin. Eine Hor­ror für jeden Demo­kra­ten. Die Kom­mu­nal­wahl im Nor­den gab am Sonn­tag einen Vor­ge­schmack. Nur 46,7 Pro­zent mach­ten von ihrem Recht Gebrauch, ihre Volks­ver­tre­ter zu wäh­len - und das ist die bis­her nied­rigs­te Quo­te. Jetzt suchen Poli­ti­ker, Kir­che und Ver­bän­de nach den Grün­den für die Wahl­ver­dros­sen­heit. Ist es Kapi­tu­la­ti­on vor ein­ge­schwo­re­nen Grup­pen, die man­cher­orts eige­ne Inter­es­sen stär­ker ver­tre­ten als die Anlie­gen der Bür­ger? Fühlt sich der „klei­ne Mann“ durch die Orts­po­li­tik nicht mehr ver­stan­den und gebüh­rend ver­tre­ten? Oder lag der Ver­zicht auf den Urnen­gang ein­fach am schlech­ten Wet­ter? - Vie­le Fra­gen nach der Wahl, über deren Ergeb­nis sich den­noch gleich meh­re­re Sie­ger freu­en kön­nen: Rot-Grün bleibt am Ruder, aber die CDU ist stärks­te Kraft in Schles­wig-Hol­steins Kreisen.

In Tim­men­dor­fer Strand wei­sen die Wahl­er­geb­nis­se vor allem in eine Rich­tung: die Gemein­de­ver­tre­tung bekommt mehr „Frau­en Power“. Gab es bis­her mit Anja Evers nur eine ein­zi­ge Frau in dem wich­tigs­ten Gre­mi­um, wer­den es künf­tig acht Volks­ver­tre­te­rin­nen sein. Ins­ge­samt wird die Mit­glie­der­zahl der Gemein­de­ver­tre­tung um ein Mit­glied anwach­sen, da sich sie­ben Direkt­kan­di­da­ten der CDU durch­set­zen konn­ten und die Uni­on einen zusätz­li­chen Sitz erhält. Damit sind es ins­ge­samt 20 Mit­glie­der, die über vie­le Zukunfts­fra­gen ent­schei­den. Dabei ist die CDU mit 34,3 Pro­zent (+ 1,5 %) die stärks­te Par­tei; die SPD hat sich zwar um 6,6 Pro­zent­punk­te auf 21,4 Pro­zent gestei­gert, ist aber den­noch nicht ganz zufrie­den: „Wir haben unser Ziel nicht erreicht“, meint SPD-Orts­po­li­ti­ker Peter Nin­ne­mann. Die Wäh­ler­ge­mein­schaft WUB hat mit minus 0,5 Pro­zent­punk­ten ein wenig ver­lo­ren, behält aber mit 23,8 Pro­zent fünf Sitze.

Das Team der SPD Timmendorfer Strand verweilte am Wahlabend als einzige Partei am längsten im Rathaus von Timmendorfer Strand, bis die letzten Ergebnisse veröffentlicht wurden (Foto: René Kleinschmidt)_____Wie zuvor schickt die WUB Timmendorfer Strand fünf Vertreter in die Gemeindevertretung: Während Frank Theunissen (rechts) in Niendorf als einziger WUB-Kandidat direkt gewählt wurde, ziehen Andreas Müller (von links), Nicole Hopp, Anja Meints und Dirk Bielfeldt über die Liste in den Gemeinderat von Timmendorfer Strand (Foto: René Kleinschmidt)

Trotz des deut­li­chen Trends zuguns­ten der Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten büss­te die WUB in Schar­beutz 11,5 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men ein. Das mag dar­an gele­gen haben, dass die WUB nach ihrem letz­ten sen­sa­tio­nel­len Wahl­er­geb­nis von fast 40 Pro­zent „gesplit­tet“ wur­de und zwei der gewähl­ten WUB-Mit­glie­der mit ent­spre­chen­dem Man­dat ihre eige­ne Par­tei grün­de­ten und fort­an vor­wie­gend mit der CDU stimm­ten, die in die­sem Jahr nach einem aggres­si­ven Wahl­kampf und beacht­li­chem Ein­satz mit 35,5 Pro­zent stärks­te Kraft in der Gemein­de wur­de. Der Zuwachs von 8,4 Pro­zent­punk­ten wird zugleich Ver­pflich­tung sein: die Wäh­ler erwar­ten, dass in ihrer Gemein­de sowohl zuguns­ten der Bür­ger als auch in Sin­ne des Tou­ris­mus ent­schie­den und gewirt­schaf­tet wird. Eine Auf­ga­be, die sich ange­sichts der zahl­rei­chen „Bau­stel­len“ als nicht ganz leicht erwei­sen dürf­te. Die SPD hat mit zusätz­li­chen sechs Pro­zent­punk­ten und fünf Sit­zen ein gewich­ti­ges Wort mit­zu­re­den. Dabei sind zum ers­ten mal auch die Schar­beut­zer Grü­nen: mit 4,1 Pro­zent kamen sie kurz nach ihrer Grün­dung auf Anhieb in die Gemein­de­ver­tre­tung und könn­ten dort mit einer Stim­me das Züng­lein an der Waa­ge sein.

War­um sich trotz aller Span­nung nur so weni­ge Bür­ger an den Wahl betei­ligt haben, bleibt allen ein Rät­sel. Die Pira­ten haben im Inter­net eine Umfra­ge gestar­tet, wol­len die Grün­de des Wahl­ver­zichts ermit­teln. Das Ergeb­nis steht noch aus. SPD-Lan­des­chef Ralf Steg­ner macht die Medi­en mit ver­ant­wort­lich für die Wahl-Unlust der Schles­wig-Hol­stei­ner. Vie­le Wäh­ler wür­den abge­schreckt durch die nega­ti­ve Bericht­erstat­tung über Poli­ti­ker, meint er. Das Ver­trau­en fehlt. Und damit ein wich­ti­ges Kern­stück der Demo­kra­tie. Nun sind unse­re Volks­ver­tre­ter gefragt, ihr Image zu ver­bes­sern - bis zur nächs­ten Wahl.